Bunter Löwe Empfehlenswert

Ehrenamtlich im Kinderhospiz in Südafrika

am
8. Mai 2018

Heute möchte ich dir von meinen Erfahrungen berichten, die ich Januar 2018 im Kinderhospiz Löwenmut in Südafrika gemacht habe. Von Januar bis März 2018 haben meine Freundin und ich gemeinsam eine Auszeit genommen, um auf Reisen zu gehen. Wir wollten endlich mal wieder etwas von der Welt sehen und dies nicht gestresst, sondern wirklich bewusst. Wir wollten die Seele baumeln lassen, Zeit für uns nehmen und einfach wieder das Backpacker-Feeling haben. Gleichzeitig wollten wir auch irgendwo ehrenamtlich arbeiten und etwas Sinnvolles tun. So sind wir dann im Kinderhospiz Löwenmut gelandet.

 

Kinderhospiz Löwenmut

Das Kinderhospiz befindet sich in der Nähe von Johannesburg, Südafrika. Löwenmut beschreibt seine Arbeit wie folgt:

In unserem Kinderhospiz kümmern wir uns um Familien mit sterbenskranken und behinderten Kindern. Wir bieten den Kindern ein zweites Zuhause, in dem sie trotz ihrer schwersten Erkrankung und ihres nahenden Todes fröhliche Stunden genießen können. Die häufig nur noch kurze Lebenszeit der Kinder wollen wir möglichst erfüllt und positiv gestalten, so dass sie und ihre Familien noch einmal Momente des Glücks und der Zufriedenheit erleben können.

Das Kinderhospiz ist eine Mischung aus einem Pflegeheim für behinderte Kinder und einem Ort für Kinder mit lebensverkürzenden Krankheiten. Knapp 50 Kinder, vom Säuglingsalter bis zum 18. Lebensjahr, leben in dieser Einrichtung. Rund die Hälfte der Kinder sind Waisenkinder. Die anderen Kinder haben Eltern oder nahestehende Verwandte, die sie immer wieder besuchen und manchmal auch mit nach Hause nehmen.

Die Kinder werden Tag und Nacht medizinisch betreut, bekommen regelmäßig Mahlzeiten und einige Kinder besuchen den Kindergarten. Für deutsche Verhältnisse sicherlich eine Selbstverständlichkeit. In Südafrika sind die Voraussetzungen jedoch gänzlich andere. Insbesondere in den ärmeren Bevölkerungsschichten haben behinderte Kinder nur wenig Perspektiven. Aufgrund von Armut, niedrigem Bildungsniveau, fehlender staatlicher Unterstützung und mangelndem Zugang zu Ärzten und Physiotherapeuten ist die Lebensqualität und oft auch die Lebenserwartung von behinderten Kindern miserabel.

Kurz gesagt, es fehlt an allem. Angefangen von einer abwechslungsreichen Ernährung, über Hygieneartikeln und Windeln, bis hin zu einer medizinischen und sozialen Betreuung der Kinder und ihrer Familien. Angebote, wie die durch Löwenmut, entlasten die Familien und ermöglichen den Kindern ein lebenswerteres und schöneres Leben.

 

 

 

 

 

 

 

Welche Behinderungen und Krankheiten haben die Kinder?

Die Behinderungen und Krankheiten der kleinen Patienten sind so vielfältig wie die Kinder. Manche sind körperlich behindert und sitzen im Rollstuhl oder können nur sehr eingeschränkt gehen. Andere sind geistig behindert. Es gibt blinde Kinder, andere sind taub und viele können nicht sprechen. Ein Großteil der Kinder und Jugendlichen sind zu 100 Prozent pflegebedürftig. Sie sitzen im Rollstuhl und können wenig bis gar nicht kommunizieren. Andere Kinder sind körperlich beeinträchtigt, können aber sprechen und sind in der Lage zu kommunizieren.

Zusätzlich zu den Behinderungen leiden vielen Kinder unter Krämpfen oder kämpfen mit Epilepsie. Auch Autoimmunkrankheiten, wie HIV, sind zusätzliche Herausforderungen mit denen die Pflegekräfte umgehen und die Kinder leben müssen. Manche Kinder können eigenständig essen und trinken, den meisten muss das Essen und Trinken jedoch zugeführt werden. Je nach vorhandenen Schluckreflexen kann dies sehr herausfordernd sein.

 

Und darüber hinaus?

Die Kinder sehnen sich nach Zuneigung, Aufmerksamkeit, Abwechslung, Spielen und natürlich Liebe und Fürsorge. Sie unterscheiden sich in diesen Dingen nicht von anderen Kindern! Oberste Priorität der Pflegekräfte liegt zunächst jedoch bei der medizinisch-pflegerischen Betreuung der Kinder. Dazu kommen spezielle Dehn-/Stretch- und Lauf- sowie Sitz- und Sprechübungen.

All diese Aufgaben zu erfüllen ist sehr zeitaufwendig, weswegen einfache aber wichtige Dinge wie Spielen und Spazierengehen manchmal zu kurz kommen. An dieser Stelle sind freiwillige Helferinnen und Helfer eine willkommene Entlastung für das Pflegepersonal. Vor allem freuen sich die Kinder über die Abwechslung.

Was sind die Aufgaben als Ehrenamtliche/r?

Um es ganz einfach zu sagen bestand unsere Aufgabe in erster Linie darin, für die Kinder da zu sein. Natürlich halfen wir bei den täglichen Aufgaben, wie beim Essengeben und Stretchen mit. Wir redeten und spielten mit ihnen. Mit einigen Kindern besuchten wir die nahe gelegene kleine Farm, auf der Gemüse angebaut wird und Tiere wie Ziegen, Hühner und ein Hase leben. Manchmal hörten wir einfach nur Musik oder sangen mit ihnen. Wir gingen mit den Kindern spazieren, nutzten den Spielplatz, machten Selfies über Selfies (die Kinder lieben Smartphones) und schaukelten bis uns schlecht wurde.

Mit einigen Kindern machten wir zusätzliche Laufübungen, lernten mit ihnen zählen oder hielten sie auch einfach nur mal im Arm. Wir trugen sie auf unseren Rücken, spielten Fußball oder machten ein Rollstuhl-Wettrennen. Manchmal saßen wir auch einfach nur gemeinsam faul rum und hörten Musik.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Welche Erkenntnisse habe ich nach 4 Wochen Arbeit mit den Kindern mitgenommen?

1. Respekt vor Pflegekräften

Die Arbeit mit behinderten und sterbenskranken Kindern ist wahnsinnig anstrengend und überaus fordernd. Mein Respekt für alle Menschen, die im Bereich Pflege und Betreuung arbeiten, ist riesengroß. Die Arbeit fordert körperlich und auch geistig unglaublich viel und wir sollten den Menschen, die sich dieser schwierigen Arbeit täglich widmen, höchsten Respekt zollen.

Ich musste die Kinder weder abduschen, noch die Windeln wechseln. Auch das frühmorgendliche Wecken und abendliche zu Bett bringen lag außerhalb meiner Tätigkeit. Jede dieser Aufgaben ist mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden. Die Kinder werden aus den Betten in die Rollstühle und aus den Rollstühlen auf den Wickeltisch gehoben und wieder zurück in den Rollstuhl gesetzt. Nach dem Essen kommen die Kinder raus aus den Rollstühlen, um massiert oder gestretcht zu werden. Permanent sind die Pflegekräfte (fast ausschließlich Frauen) damit beschäftigt die Kinder aus ihren Rollstühlen zu holen und wieder zurückzusetzen. Und das ganze Tag für Tag.

Wir, ehrenamtliche Helfer, mussten viele anstrengende Aufgaben gar nicht machen, hatten keinen 12 Stunden-, sondern eher einen 6-8-Stunden-Tag. Trotzdem waren wir am Ende des Tages einfach platt. Ich war froh um 17 oder 18 Uhr sagen zu können, das war’s für heute. Ich brauchte dann auch einfach Zeit für mich, bzw. ein wenig Abstand, um wieder Energie tanken zu können.

So schön es auch war mit den Kindern zu spielen und mit ihnen Zeit zu verbringen, war es einfach eine sehr intensive Zeit – sowohl physisch, vor allem aber auch psychisch. Beim Spielen mit den Kindern habe ich mich beispielsweise immer wieder gefragt, wie alt die Kinder werden und wie es ihnen wohl in Deutschland ergangen wäre. Hätten sie dort bessere Chancen gehabt? Welche Kinder werden wohl ihr 18. Lebensjahr erreichen und welche Kinder werden vorher versterben?

Bestimmt gewöhnt man sich mit der Zeit an die Arbeit mit sterbenskranken Kindern. Für mich war die Tätigkeit, das Land und die Kultur komplett neu, so dass ich den Monat bestimmt auch deshalb so intensiv wahrgenommen haben. Trotzdem ist mein Respekt für die Menschen, die im Bereich Pflege oder auch im Hospiz arbeiten und sich tagtäglich dieser wertvollen aber auch anstrengenden Tätigkeit widmen, riesengroß.

2. Keine Angst vor der Arbeit mit sterbenskranken, behinderten Kindern

Es gibt keinen Grund Angst vor der Arbeit mit sterbenskranken und/oder behinderten Menschen zu haben. Diese Erkenntnis hat sich ab der dritten Woche bei mir eingestellt und sich dann kontinuierlich verfestigt. Völlig unerfahren, wie ich nun mal war, hatte ich Angst die Kinder zu verletzen oder irgendetwas nicht richtig zu machen. Wie soll ich sie massieren und stretchen, wenn ich das nie gelernt habe? Wie gebe ich Kindern ihren Brei, die Spastiken oder Krämpfe und noch dazu extreme Probleme beim Schlucken haben? Was mache ich mit den Kindern? Was erzähle ich ihnen?

Mella und die Kids sitzen auf der Schaukel.Farmbesuch Kinderhospiz LöwenmutDiese und viele weitere Fragen haben mich gerade am Anfang beschäftigt und beschäftigen mich teilweise auch heute noch. In Deutschland neigen wir ja dazu, nur das zu machen, wofür wir nachweislich ausgebildet wurden. Inzwischen denke ich aber, dass wir alle viel Gutes erreichen können, auch ohne spezielle Ausbildung.

Alles, was wir dafür tun müssen, ist genau zu beobachten und ein Gefühl für unsere Gegenüber zu entwickeln. Ich habe mich beim Essengeben beispielsweise immer gefragt, wie ich es selber gern gehabt hätte und habe es dann genau so probiert. Natürlich ging das bei einigen Kindern besser als bei anderen, aber die anfängliche Scheu und auch der Ekel sind sehr schnell verschwunden.

Ekel? Ja, obwohl ich bislang fast nie Kontakt zu behinderten und sterbenskranken Menschen in meinem Leben gehabt habe, hatte ich zunächst Bedenken, wie ich auf die Kinder reagieren würde. Der permanente Speichelfluss, die Gerüche voller Windeln, unkontrollierbare Schreie und Weinkrämpfe, körperliche Deformierungen, (ansteckende) Krankheiten… Um ehrlich zu sein, war ich mir zu Beginn nicht sicher, wie ich auf diese Dinge reagieren würde.

Vielleicht sind diese Ängste einfach nur menschlich, da wir meistens Angst vor dem Unbekannten haben. Die für mich wertvollste Erkenntnis dieser Reise war jedoch, dass diese Ängste vollkommen unbegründet sind. Ich habe mich wahnsinnig schnell daran gewöhnt, dass alle Kinder behindert waren und viele von ihnen lebensverkürzende Krankheiten haben. Sie sabbern, schreien, spucken, weinen und verkrampfen. Das ist einfach ein Teil von ihnen. Genauso wie ich eine Brille trage, ne schiefe Wirbelsäule habe und hin und wieder einen Furz lasse. SO WHAT? Schon nach kurzer Zeit siehst du das Kind hinter allen Einschränkungen, die die Behinderung mit sich bringt. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell du nicht mehr die Behinderung siehst, sondern nur noch den Menschen.

Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl ist, ein behindertes Kind zu haben und wie ich damit umgehen würde? Obwohl ich nur vier Wochen mit behinderten Kindern verbracht habe, habe ich nun ein sehr viel klareres Bild. Natürlich wird sich das Leben an den Bedürfnissen des Kindes ausrichten. Aber das ist dann einfach so. Sobald du dein Kind anschaust wirst du es lieben und alles für es tun – unabhängig davon, ob es behindert ist oder nicht.

Das dies so ist, hat mir mein Verstand auch vor dieser Reise schon gesagt. Es ist allerdings etwas vollkommen anderes eigene Erfahrungen zu machen und es bewusst zu erleben. Jetzt sagt es nicht nur mein Verstand, sondern auch mein Herz.

3. Wohlfühlbereich verlassen und Herausforderungen annehmen

Es hat mir wahnsinnig gut getan meine eigene Komfortzone zu verlassen und mich auf etwas komplett Neues einzulassen. Nicht immer war es leicht. Es gab anstrengende Tage und manchmal auch frustrierende Situationen und doch bin ich dankbar, dass ich diese Erfahrung gemacht habe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch einige Monate nach meinem Aufenthalt blicke ich anders auf mein Leben. Bisherige Herausforderungen verblassen vor dem Hintergrund meiner Erlebnisse. Selbstverständlichkeiten, wie das Gesundheitssystem in Deutschland, nehme ich viel dankbarer wahr und ich bin sehr viel neugieriger auf das Leben „da draußen“ geworden.

Jeder Mensch muss seine eigenen Erfahrungen machen und sich entscheiden, was er oder sie mit seinem oder ihrem Leben anfängt. Für all diejenigen, die gerade auf der Suche nach etwas Neuem in ihrem Leben sind, kann ich in jedem Fall empfehlen aktiv zu werden. Suche dir ein Projekt, das du gern unterstützen möchtest und breche einfach mal aus deinem Alltag aus. Es wird dein Leben nachhaltig prägen. Vielleicht ist ja sogar das Kinderhospiz in Südafrika genau das Richtige für dich.

Babyhand umschließt Daumen

Wenn du dich näher über Löwenmut erkundigen möchtest, schau dir doch gern mal ihre Homepage an. Über Helferinnen und Helfer freuen sie sich immer. Natürlich sind sie auch über Spenden dankbar, da diese sie unterstützen, das Projekt in Südafrika weiterzuentwickeln.

Wenn du mehr über die Arbeit im Kinderhospiz erfahren möchtest oder Fragen hast, hinterlasse mir gern einen Kommentar oder schreibe mir eine Email. Ich freue mich über deine Nachricht. 🙂

 

 

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2 Kommentare
  1. Antworten

    Annika

    18. Mai 2018

    Danke für die Einblicke in eure Arbeit! Hut ab für euer Engagement. Ich freue mich, dass ihr so viele wertvolle Erfahrungen ziehen konntet und das Leben der Kinder in eurer Zeit da abwechslungsreicher gemacht habt.
    Lg aus Essen
    Annika

    • Antworten

      Bunter Löwe

      20. Mai 2018

      Vielen Dank, Annika. Wir denken oft an die Zeit zurück und sind wirklich froh, dass wir nach Südafrika gefahren sind.

KOMMENTAR

Jonas
Deutschland

Hey, ich bin Jonas, Anfang 30 und folge zur Zeit meinem Hunger nach mehr. Mir ist es wichtig, nicht einfach nur zu existieren, sondern mich lebendig zu fühlen. Was ich dafür tue, was mich inspiriert und mir weiterhilft, dokumentiere ich hier auf meinem Blog. Ich schreibe unter anderem über Ernährung und eigenen Gemüseanbau und (m)einen sportlichen Lifestyle.