Hunger nach mehr

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich immer intensiver mit Ernährung. Was trinke und esse ich eigentlich den ganzen Tag über? Welche Auswirkungen hat meine Ernährung auf mein Wohlbefinden, körperlich aber auch auf mein geistiges Wohlbefinden? Was ist eigentlich dran an den ganzen Trends, wie Slow Food, glutenarme oder vegane Ernährung etc.? Und wann wird aus einem Trend „mehr“? Wann spricht man nicht mehr von einem Trend, sondern einem tatsächlichen einem gesellschaftlichem Wandel? Inwiefern ist Bio tatsächlich ein Mehrwert und sollte man aus Nachhaltigkeitsgründen komplett auf Fleisch und Fisch verzichten oder vielleicht sogar komplett vegan leben?

Eines vorweg. Auf der Suche nach Antworten zu den gestellten und vielen, vielen weiteren Fragen stehe ich noch ganz am Anfang. Doch schon jetzt ziehe ich so wahnsinnig viel aus den Erfahrungen und dem Wissen, dass sich bei mir der Hunger nach mehr entwickelt hat. Ich möchte mehr erfahren über die Produkte, die ich tagtäglich mein Leben lang zu mir nehme. Ich möchte wissen, welche Lebensmittel mir guttun und welche ich lieber weglassen sollte.

Ich möchte verstehen, warum wir aufschreien, wenn ein Haar in der Suppe schwimmt, wir jedoch hinnehmen, dass das Gemüse in der Suppe mit Pestiziden gespritzt und das Hühnerfleisch aus Massentierhaltung stammt.

Ich möchte verstehen, warum wir Menschen Zucker über Zucker konsumieren, obwohl es nachgewiesener Maßen schädlich, nein sogar verdammt schädlich für uns ist. Das gleiche gilt für unseren Fleischkonsum. Wir vergöttern unsere Hunde und Katzen. Sie sind unsere Beschützer, unsere Lieblinge, unsere süßen, treuen Gefährten, die wir auch gern zum Kuscheln auf die Couch mitnehmen. Warum bringen wir diese Tierliebe nicht auch nur im Geringsten den sogenannten „Nutztieren“ entgegen?

2050 lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in der Stadt

Als Städter frage ich mich, wie die Ernährung der Zukunft aussieht? Wie können wir Stadtmenschen den Bezug zu Lebensmitteln zurückgewinnen? Die Weltbevölkerung nimmt rasant zu und auf der Suche nach Bildung, Arbeit, sozialem Aufstieg, sprich einer Perspektive, ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. 2050 lebt wahrscheinlich die Hälfte der Weltbevölkerung in der Stadt. Wie werden diese Menschen ernährt und gibt es überhaupt noch Möglichkeiten einen bewussten Umgang mit und einen bewussten Konsum von Lebensmitteln zu gewährleisten, geschweige denn zu garantieren?

Die ersten Schritte oder auch heillose Überforderung

Wenn man anfängt, sich mit der eigenen Ernährung zu beschäftigen, merkt man ziemlich schnell, dass es gar nicht so leicht ist, zu einer fundierten Aussage à la „A ist besser als B“ zu kommen. Manchmal gibt es theoretisch einfache Lösungen aber die Umsetzung ist schwierig. Beispielsweise gibt es immer mehr Menschen, die weniger oder sogar gar kein Fleisch mehr essen. Trotzdem wird in Deutschland so viel Fleisch wie nie zuvor produziert. Das überschüssige Fleisch wird einfach exportiert, zum Beispiel nach China. Dort können sich viele Millionen Menschen durch den wirtschaftlichen Aufschwung erst seit kurzer Zeit überhaupt Fleisch leisten. Was nützt es also wenn 5 Millionen Deutsche weniger Fleisch essen, wenn zeitgleich 300 Millionen Chinesen gerade erst die finanzielle Möglichkeit haben, sich überhaupt Fleisch zu leisten? Wenn diese Menschen ihren Fleischkonsum auch nur ansatzweise an unseren (viel zu hohen!) Konsum anpassen (ca. 60 kg im Jahr!), liegt die Lösung vielleicht gar nicht beim persönlichen Verzicht, sondern vielleicht in einer politischen Lösung (Verbot des Exports von Fleischprodukten)? Aber widerspricht das nicht dem Freihandelsgedanken? Und wer produziert dann unter welchen Bedingungen das weiterhin benötigte Fleisch?

Mit jeder Frage, ergeben sich viele Folgefragen und ich war und bin ganz einfach überfordert mit der Beantwortung. Wo fange ich an? Was muss ich wie ändern? Muss ich mein Umfeld überzeugen oder muss jeder selbst für sich entscheiden? Ist es meine Verantwortung meine Erfahrungen zu teilen oder gar zu belehren? Beim Rauchen halten wir es inzwischen für normal zu belehren. Es ist inzwischen gesellschaftlicher Konsens geworden und gemeinhin akzeptiert. Bei Alkohol wird es schon schwieriger, obwohl die Auswirkungen auf den Menschen und die Gesellschaft (also für uns alle) oftmals tragisch sind. Und bei Lebensmitteln? Der von den Grünen geforderte „Veggie-Day“ wurde quasi in der Luft zerrissen. Die heilige deutsche Kantinen-Bratwurst mit Pommes darf niemand, JA WIRKLICH NIEMAND in Frage stellen. Das dieses über Jahre hinweg konsumierte fettige, mit Köstlichkeiten wie Konservierungsstoffen und Aromen versetzte LEBENsmittel potenziell etwas mit dem Hüftgold (eigentlich eher schon Goldbarren), einem erhöhten Blutdruck, verkalkten Arterien und Venen, Herzinfarkten und Schlaganfällen, permanentem Völlegefühl, Verdauungsproblemen, Schlafstörungen und Unwohlsein zusammenhängen KÖNNTE, wird ignoriert.

Der Staat soll sich schön raus halten und mir nicht vorschreiben, was ich zu essen habe. Ich weiß ja schließlich was gut für mich ist.

Ich verstehe diese Haltung. Niemand findet es toll bevormundet zu werden und jeder sollte seine Individualität, seine Freiheit ausleben dürfen, wie es ihm oder auch ihr gefällt. Doch in vielen anderen Bereichen akzeptieren wir diese Einschränkung, da wir davon ausgehen, dass es zum Wohle der Gesellschaft, also uns aller geht. Ist die Pkw-Haftpflicht nicht auch eine Bevormundung? Sie wird jedoch von den meisten Menschen akzeptiert, da es leicht zu verstehen ist, dass wenn mir jemand die Vorfahrt nimmt, immerhin der finanzielle Schaden durch seine Versicherung gedeckt wird. Den Schaden durch den Verzehr der Kantinen-Bratwurst für die Gesellschaft ist hingegen nur schwer messbar, auch wenn medizinischen Kosten für die Behandlung der oben genannten Krankheiten sehr genau beziffert werden können. Leider ist die Kausalitätskette nicht ganz so eindeutig, wie beim Pkw-Unfall.

Vielleicht ist die Einführung eines Veggie-Days nicht die ultimative Lösung, doch würde er wirklich schaden? Ist es so utopisch, dass es einen Tag gibt, an welchem wir uns vegetarisch ernähren? Klar, wäre es toll, wenn die Entscheidung von uns aus gehen würde. Freiwilligkeit funktioniert meist besser als ein Dekret. Aber sind wir doch mal ehrlich. Welches Kind geht freiwillig ins Bett und putzt sich vorher die Zähne? Welcher Teenager verzichtet freiwillig auf einer Party auf Alkohol, weil er oder sie noch keine 18 ist? Wer von uns würde sich an das Speedlimit halten, wenn es keine Blitzer geben würde? Wer von uns würde heute noch rauchen, wenn nicht die immer konsequenteren Rauchverbote und die konsequente Erhöhung der Tabaksteuer das seine getan hätten? Manchmal benötigen wir nun mal einen kleinen Tritt in den Hintern, um überhaupt einmal ins Denken zu kommen. Warum muss ich mir die Zähne putzen? Warum ist es mit 14 keine so gute Idee Schnaps zu trinken? Warum wollen eigentlich alle Rauchen unterbinden? Je mehr wir uns mit diesen Fragen beschäftigen, also eigenes Wissen aufbauen, desto eher treffen wir eine Entscheidung aus eigener Überzeugung und das ist meistens die nachhaltigste und langlebigste Entscheidung.

Von der Currywurst zum Knoblauch vom Balkon

Je länger ich über die verschiedenen Themen gelesen, gehört, nachgedacht habe, desto schwieriger fiel es mir, meine Gedanken auch in ein tatsächliches Tun zu bringen. Schließlich beschäftige ich mich mit dem Thema Ernährung nicht nur, weil ich es interessant finde, sondern weil ich überzeugt bin, dass ich meinem Körper und meinem Geist sehr viel mehr geben bzw. zuführen kann als bisher. Und bevor ich auch nur ansatzweise mögliche Lösungen für gesellschaftliche Lösungen finden kann, muss ich zunächst einmal bei mir anfangen. Schließlich bin ich es ja auch der entscheidet, ob ich die Currywurst oder doch das Gemüse-Curry nehme.

Ich bin inzwischen an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an dem es mir nicht mehr egal ist, was ich zu mir nehme. Gleichzeitig merke ich aber auch, dass ich mich in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten so gut wie gar nicht mit dem Thema Ernährung auseinandergesetzt habe. Da ich fest der Überzeugung bin, dass Wissen und Beobachtung die Grundlagen von fast allem bilden, habe ich mich dazu entschlossen, meine bisherigen Lebensmittelkenntnisse von Grund auf neu zu entdecken. Und das möchte ich ganz bewusst machen. Ich möchte verstehen, was ein Lebensmittel auszeichnet? Welche Vielfalt in den Lebensmitteln steckt? Welche Variationen es gibt? Inwiefern eine Ernährung im Einklang mit der Natur und auch meinem Wohlbefinden möglich ist? Ich möchte aber auch ganz einfach selber entdecken, wie Lebensmittel wachsen. Ganz ehrlich: vielmehr als ne Tomatenpflanze und einige Kräutertöpfe aus dem Supermarkt habe ich noch nie gehabt.

Ich kann mich noch an meine Kindheit in der Schule erinnern, in der wir Kresse gezüchtet haben. Jeden Tag haben wir uns das Wachstum angeschaut und darüber geredet, in welchem Stadium des Wachstums sich die Kresse befindet. Da ich mich jetzt noch an diese Zeit erinnern kann, scheint das bewusste auseinandersetzen (selber anpflanzen, sehen, riechen, schmecken, gemeinsames Diskutieren) durchaus sinnvoll gewesen zu sein.

Von daher mache ich mache es jetzt wie mein Kinder-Ich

Bevor ich anfangen kann über etwas zu urteilen, muss ich es verstehen. Und das geht am besten, wenn ich es mache wie die Kinder. Ich fange an etwas über Lebensmittel zu lernen, indem ich diese Lebensmittel selbst anbaue. Ich werde Samen aussäen, das Wachstum beobachten und dokumentieren und am Ende die angebauten Früchte ernten und sie verkosten. Das Ziel ist dabei nicht eine möglichst fette Ernte einzufahren, sondern Erfahrungen zu sammeln und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was Pflanzen benötigen und was nicht.

Ich bin gespannt, ob ich erfolgreich bei der Aufzucht bin. Ich freue mich jederzeit über gute Tipps und Tricks, was ich besser machen kann. Wie gesagt, ich bin ein absoluter Anfänger.

Die Erfolge und auch die weniger erfolgreichen Versuche werde ich hier veröffentlichen: Auf nach Balkonien